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Der Papst hat das Rücktrittsangebot von Bischof Erwin angenommen
Die Reportage und das Interview stammen von Joao Carlos Pereira und wurden veröffentlicht in der Zeitung „O Liberal“ am 30. Dezember 2015
Übersetzt von P. Michael Rohde, St. Kaspar, Neuenheerse

„Belo Monte ist schon Wirklichkeit. Wir haben Jahrzehnte gegen dieses Projekt gekämpft und haben seine Verwirklichung nicht verhindern können ...“ – Interview mit Bischof Erwin Kräuter
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Und hier das Interview von Bischof Erwin:
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Erwin Kräutler besucht den Papst
Franziskus erwartet von Bischof Erwin Kräutler „kühne und mutige“ Vorschläge

Papa-Francisco-1Franziskus erwartet von Bischof Erwin Kräutler „kühne und mutige“ Vorschläge zum Umgang mit dem Priestermangel und sorgt sich um die indigene Bevölkerung Amazoniens.

Bewegt und tief beeindruckt äußerte sich Bischof Erwin Kräutler nach seiner Privataudienz bei Papst Franziskus am 4. April 2014 in der Casa Santa Martha im Vatikan. Es war die erste persönliche Begegnung der beiden Kirchenmänner, seit Jorge Bergoglio Papst Franziskus ist.

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Unter anderem fragte ihn der Papst, welche Vorschläge er im Hinblick auf die Pastoral in den Gemeinden Amazoniens hätte, und fügte dann hinzu, dass ihm kühne, mutige Vorschläge gemacht werden sollten, gerade auch in der Frage der fehlenden Möglichkeit zur Feier der Eucharistie in über 70 Prozent der Gemeinden. Die Begegnung der beiden war von Herzlichkeit und Sympathie geprägt. Geht es doch beiden um den Kampf für Gerechtigkeit an der Seite der Armen.


Indigene Völker mehr denn je bedroht
Und kaum war Bischof Erwin aus Rom in Brasilien zurück, ging es zur Vollversammlung der brasilianischen Bischofskonferenz nach Aparecida, wo er als Vorsitzender des Indianer-Missionsrates (CIMI) ein Referat über die Gefährdung der indigenen Völker hielt. Aus seiner Sicht sind in seinem Bistum am Xingu-Fluss ganze Indianer-Völker vom Aussterben bedroht, weil Geschäftsleute sich mit Unterstützung von einflussreichen Leuten aus Brasilia den Lebensraum der Indianer unter den Nagel rissen. Rückschauend auf seine früheren Amtszeiten als Vorsitzender des Indianer-Missionsrates sagte Bischof Erwin: „Wir haben alles getan, dass die Rechte der indigenen Völker in die Verfassung kommen. Aber das ist jetzt alles gefährdet, der Wind hat sich gedreht.“ Und dann fährt er fort: „Wenn an diesen Bestimmungen gerüttelt wird, ist das mittel- und teilweise sogar kurzfristig der Tod der indigenen Völker. Es geht um die Abgrenzung, die Demarkierung der indigenen Gebiete. In der Verfassung von 1988 heißt es, dass die Regierung den Auftrag hat, alle indigenen Gebiete innerhalb von fünf Jahren als solche zu erklären und zu demarkieren. Nicht einmal die Hälfte davon ist tatsächlich durchgeführt worden!“

Leute, die über Leichen gehen
Wo aber Indianergebiete nicht verlässlich demarkiert sind, da können Geschäftsleute ihr Unwesen treiben. Zum Schaden der Indigenen, deren Zahl Bischof Kräutler mit „fast 900000 Menschen“ angibt. Und zum Schluss sagt Bischof Erwin: „Wir haben 16 Prozesse von Großgrundbesitzern am Hals, weil wir gesagt haben: Die Indianer haben recht. Wir verteidigen die Verfassung gegen Leute, die von der Verfassung nichts hören wollen. Deswegen werden wir verfolgt! Wir werden heute gerade deswegen verfolgt, weil wir die brasilianische Verfassung verteidigen gegen alle diese Machenschaften und Agressionen von Seiten der Großgrundbesitzer oder durch Leute, die nicht satt werden können und über Leichen gehen, damit sie von heute auf morgen steinreich werden.“
gejo


Alltag
Ein Blick in unser Seminar „Francisco Albertini“

bra-news1Alltag, das hat mit Routine und Normalität zu tun und demnach gibt es nicht viel Alltag hier bei uns. Jeder Tag hat da sein eigenes Gesicht und verändert sich auch von Woche zu Woche. Fixpunkte sind die Studienkurse unserer Seminaristen und die Gebets- und Essenszeiten in der Hausgemeinschaft. Alles weitere ist relativ individuell auf jeden einzelnen abgestimmt: pastorale Arbeiten in den Kleingemeinden hier in Hausnähe, gezielter Förderunterricht in Portugiesisch und Textinterpretation, Sport und andere Freizeitbeschäftigungen und auch Teilnahme an Ereignissen die Kirche und Gesellschaft betreffen. Ausbildung versucht so die spätere Berufssituation schon etwas vorwegzunehmen. Nach Ausbildungsabschluss hat jeder als Priester oder Bruder seine eigene Tätigkeit und Verantwortung und dennoch soll Hausgemeinschaft bestehen und funktionieren. Das geht aber nur, wenn jeder sich für das Zsammenleben verantwortlich fühlt und entsprechend sich in Gemeinschaft einbringt. Das zu lernen und zu praktizieren ist ein wichtiges Ziel neben der notwendigen philosophischen und theologischen Ausbildung.

Unser Ausbildungsprogramm läuft seit 2001. Vor neun Jahren hat die Gemeinschaft hier in Belém die Pfarrseelsorge aufgegeben, um sich hier allein der Ausbildung unserer Kandidaten zu widmen. P. Lucas Rodriguey Fuertes war der erste Ausbildungsleiter ohne weitere Nebentätigkeiten. Er hat unser erstes Seminar eingerichtet und zwei Jahre unsere jungen Männer begleitet. Unsere ersten beiden brasilianischen Patres haben unter ihm ihr Studium begonnen. Seit 2003 liegt die Ausbildung nun in meinen Händen. In den sieben Jahren meiner Tätigkeit hier hat sich noch vieles verändert. Da das erste Seminar zu klein und von der Raumaufteilung einfach unpraktisch war, haben wir ein neues Haus gebaut. Seit fünf Jahren leben wir jetzt schon in dem neuen Seminar. Um dann Personal zu „sparen“ wurden zwei Ausbildungetappen auf eine internationale Ebene erhoben. Das Jahr für „spezielle Ausbildung“ (oft auch Noviziat genannt) findet momentan in Guatemala zusammen mit den Kandidaten der anderen lateinamerikanischen Missionen und Vikariate statt. Das Theologiestudium wurde nach Bogota in Kolumbien zusammengelegt. Die Zusammenarbeit mit den Mitbrüdern aus den anderen südamerikanischen Staaten klappt gut. Momentan haben wir drei brasilianische Seminaristen in Kolumbien. Und im nächsten Jahr werden zwei Brasilianer am Noviziat in Guatemala teilnehmen.

bra-news2Hier in Belém/Ananindeua leben vier Seminaristen mit mir zusammen. Drei nehmen an verschiedenen Studienvorbereitungskursen teil und der vierte macht eine Ausbildung als Krankenpfleger. Ist nicht immer einfach bei den verschiedenen Kurs- und Arbeitszeiten gemeinsame Unternehmungen zu starten, aber mit viel gutem Willen gibt es immer wieder solche Augenblicke. Und dann gibt es die Momente in denen wir wirklich zusammen arbeiten. Derzeit ist normalerweise immer einer der jungen Männer mit mir in der Gefängnisseelsorge dabei. Wir arbeiten da im Bereich häuslicher Gewalt. Wir besuchen die Männer, die wegen solcher Gewaltdelikte in Gewahrsam genommen wurden und besuchen sie in ihren Familien nach der Haftentlassung. Ein weiteres gemeinsames Projekt ist die Ausbildung von Leitungskräften in zwei Kleingemeinden der Pfarrei zu der wir gehören.
Momentan wird dann unser Alltag vom Fußball bestimmt. Wegen der Übertragungen fällt viel Unterricht einfach aus. Schlecht, was das Studieren angeht, aber gut für uns als Hausgemeinschaft ... wir haben Extrazeiten für uns.
P. Michael


Staudammprojekt: „Der geplante Tod“
Eindringlicher Appell an Brasiliens Staatspräsidenten.

staudammBrasilia 02/2010: Der geplante Bau eines riesigen Staudamms im Amazonasgebiet würde nach Einschätzung von Bischof Dom Erwin Kräutler Tod und Chaos statt Entwicklung bringen. In einem Brief an Staatspräsident Luiz Inacio „Lula“ da Silva warnt der Präsident des kirchlichen Indianerkommisionsrates CIMI eindringlich vor dem Bau des Belo-Monte-Staudamms am Xingu-Fluss im Nordosten Brasiliens.

Das Projekt wäre der viertgrößte Staudamm der Welt. Damit die Mega-Leistung konstant über das ganze Jahr produziert werden kann, müssten zudem drei weitere Staudämme flussaufwärts errichtet werden, die auch in der sieben Monate langen Trockenzeit ausreichend Wasser liefern könnten.

In dem Brief mit der Überschrift „Projekt Belo Monte — der geplante Tod“ fordert Kräutler den Präsidenten auf, die Bewohner der region zu dem Projekt anzuhören und die „sozialen Kosten“ des Großprojekts zu berücksichtigen.

Die wenigen bislang durchgeführten öffentlichen Anhörungen seien lediglich Scheinveranstaltungen gewesen, von denen die Bewohner durch massive Polizeipräsenz ferngehalten worden seien, so Kräutler. Die Rechte der Bevölkerung seien „wieder einmal auf autoritäre und antidemokratische Art und Weise im Stil einer Diktatur übergangen worden“. Denn die Entscheidung sei tatsächlich längst gefallen.

Die Folgen des Projekts wären unabsehbar, warnte Kräutler. Zahlreiche Ansiedlungen würden überschwemmt und einige Nebenflüsse nahezu versiegen. Indianerreservate und Naturschutzgebiete seien von den Überschwemmungen betroffen und der Lebensraum der am Rio Xingu ansässigen Indios massiv bedroht.
kap

FOTO: Wikipedia

 
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